Die Ligue 1 startet am 23. August 2026 in eine Saison, die es in dieser Form in keiner der fünf großen europäischen Ligen je gegeben hat: Frankreichs Erstliga-Klubs haben keinen externen Fernsehsender mehr, der ihnen Geld für Übertragungsrechte überweist. Sie sind ihr eigener Sender. Und sie tragen das volle unternehmerische Risiko.
Nach dem Rückzug von DAZN im Sommer 2025 und dem Ausstieg von beIN Sports zum 31. Dezember 2025 hat die Ligue de Football Professionnel (LFP) über ihre Tochter LFP Media die eigene Streaming-Plattform Ligue 1+ gestartet. Ab 2026/27 laufen dort alle neun Spiele jedes Spieltags. Was das für die Klubkassen bedeutet, zeigt der Verteilungsleitfaden, den die LFP Ende April 2026 an die Vereine verschickt hat — ein 21-seitiges Dokument, das ausdrücklich als vorläufig gekennzeichnet ist, aber die Grundlage für die Budgetplanung vor der DNCG bildet.
Die Kernzahl: Von 412,2 Millionen Euro Bruttoerlösen bleiben für die 18 Erstligisten am Ende 184,1 Millionen Euro.
Die Wasserfall-Rechnung: von 412,2 auf 184,1 Millionen Euro
Der Weg vom Bruttoerlös zur Klubausschüttung ist in Frankreich ungewöhnlich verlustreich. Zwei große Blöcke werden vorab abgezogen, bevor überhaupt ein Euro verteilt wird.
| Position | Betrag | Anmerkung |
|---|---|---|
| Erlöse Ligue 1+ (national) | 170,1 Mio. € | Prognose LFP Media |
| Erlöse France Télévisions | 1,0 Mio. € | Highlights / Free-TV |
| Internationale Medienrechte | 137,6 Mio. € | Vermarktung u. a. über Infront |
| Sonstige Erlöse | 103,5 Mio. € | u. a. beIN Sports (Ligue 2), Trophée des Champions |
| Bruttoerlöse gesamt | 412,2 Mio. € | |
| ./. Betriebskosten Plattform | −121,4 Mio. € | Produktion, Technik, Vertrieb von Ligue 1+ |
| ./. Anteil CVC Capital Partners | −65,5 Mio. € | dauerhafte Beteiligung am Umsatz |
| Nettobetrag zur Verteilung | 225,3 Mio. € | 54,7 % der Bruttoerlöse |
| ./. Dotation Ligue 2 | −29,2 Mio. € | 18 Zweitligisten |
| ./. Absteigerhilfe | −12,0 Mio. € | 2 Absteiger aus der Ligue 1 |
| Netto für die Ligue 1 | 184,1 Mio. € | 18 Klubs |
Von 100 Euro Bruttoerlös kommen also rund 54,70 Euro überhaupt im Profifußball an — und knapp 44,70 Euro bei einem Erstligisten.
Der Posten, der deutsche Leser am meisten überraschen dürfte, ist der CVC-Abzug. Der Finanzinvestor CVC Capital Partners hatte 2022 rund 1,5 Milliarden Euro in LFP Media eingebracht und erhielt dafür 13,04 Prozent der bereinigten Erlöse — dauerhaft, ohne Endlaufzeit. In einer Hochphase mit 500 Millionen Euro Medienerlösen war das eine kalkulierbare Größe. In der aktuellen Lage frisst allein diese Position mehr als ein Drittel dessen, was die 18 Erstligisten insgesamt bekommen.
Hinzu kommt: Die Betriebskosten der Plattform von 121,4 Millionen Euro fallen unabhängig davon an, wie viele Abonnenten Ligue 1+ hat. Sie sind der Preis für das Eigenvermarktungsmodell.
Zwei Töpfe: 112,5 Millionen für alle, 71,6 Millionen nur für Europa-Klubs
Die 184,1 Millionen Euro werden nicht gleichmäßig auf 18 Klubs verteilt. Sie zerfallen in zwei strikt getrennte Töpfe.
| Topf | Volumen | Berechtigte |
|---|---|---|
| Nationale Medienrechte | 112,5 Mio. € | alle 18 Erstligisten |
| Internationale Medienrechte | 71,6 Mio. € | nur Klubs mit UEFA-Index |
| Summe | 184,1 Mio. € |
Der zweite Topf ist der eigentliche Sprengsatz. Der „indice UEFA“ bemisst sich an der Europapokal-Teilnahme der zurückliegenden Jahre. Klubs ohne Koeffizienten sehen von den internationalen Erlösen praktisch nichts: Nach Berichten aus dem Klub-Kollegium der Ligue 1 werden von den international erlösten Mitteln lediglich 6,5 Millionen Euro auf alle 18 Klubs verteilt, der weit überwiegende Rest fließt an die „Européens“.
Genau darüber ist im Sommer 2026 ein Verteilungskampf entbrannt. RC-Lens-Präsident Joseph Oughourlian und andere fordern eine breitere Streuung. Im Juni 2026 lag dem Kollegium ein Vorschlag vor, wonach die für die Champions League qualifizierten Klubs jeweils drei Millionen Euro ihres internationalen Anteils in den gemeinsamen Topf abgeben — was die für alle verteilte Summe von 9 auf 12 Millionen Euro erhöhen würde. PSG, Olympique Marseille und Olympique Lyon zeigten sich gesprächsbereit, Lille und Brest ablehnend. Eine Einigung steht aus.
Der Verteilerschlüssel der nationalen Erlöse
Innerhalb der 112,5 Millionen Euro arbeitet die LFP mit einem Fünf-Kriterien-Modell, das im Kern seit Jahren unverändert ist:
| Kriterium | Logik | Charakter |
|---|---|---|
| Part fixe | fixer Sockelbetrag für jeden Klub | solidarisch |
| Licence club | zweiter Sockel, an Lizenzauflagen gekoppelt | solidarisch |
| Classement sportif (laufende Saison) | Abschlusstabelle 2026/27 | leistungsabhängig |
| Classement sur cinq saisons | Tabellenplatzierungen der letzten fünf Spielzeiten | leistungsabhängig |
| Notoriété | Anzahl der TV-Übertragungen, insbesondere Topspiele, über fünf Jahre | marktabhängig |
Das Ergebnis der aktuellen Prognose: Der bestplatzierte Klub in der Gesamtwertung erhält rund 11,7 Millionen Euro, der letzte rund 3,6 Millionen Euro — jeweils nur aus dem nationalen Topf.
Zum Vergleich: In der Ligue 2 ist die Verteilung deutlich egalitärer. Part fixe und Licence club machen dort traditionell rund 85 Prozent der Ausschüttung aus, die variablen Komponenten nur etwa 15 Prozent.
Das neue Gesetz: Deckelung auf 1:3 — und was das für den Schlüssel bedeutet
Am 21. Juli 2026 hat der französische Senat nach der Nationalversammlung endgültig die „Loi relative à l’organisation, à la gestion et au financement du sport professionnel“ verabschiedet — die parlamentarische Antwort auf die Krise des französischen Profifußballs. Der Text geht auf die Senats-Untersuchungskommission um Laurent Lafon und Michel Savin zurück und umfasst 45 Artikel.
Für die TV-Geld-Verteilung entscheidend ist die Deckelung der Spreizung: Der bestbezahlte Klub einer Wettbewerbsklasse darf künftig höchstens das Dreifache dessen erhalten, was der schlechtestbezahlte Klub bekommt. Bisher lag die Spreizung je nach Saison bei 1:5 oder darüber.
Hier wird es für 2026/27 rechnerisch interessant. Der aktuell kursierende Verteilungsentwurf sieht 11,7 Millionen Euro für den Ersten und 3,6 Millionen Euro für den Letzten vor: 11,7 ÷ 3,6 = 3,25
Der Entwurf würde die gesetzliche Obergrenze also knapp reißen. Zwei Punkte sind dabei zu beachten:
- Die Deckelung gilt ausdrücklich nur für die nationalen Medienrechte. Der 71,6-Millionen-Topf für Klubs mit UEFA-Index bleibt unangetastet — die tatsächliche Ungleichheit zwischen PSG und einem Aufsteiger wird durch das Gesetz kaum berührt.
- Die Anwendungsverordnungen stehen aus. Sportministerin Marina Ferrari hat eine zügige Veröffentlichung der Décrets d’application zugesagt, ein konkretes Datum ist zum Redaktionsschluss nicht bekannt. Ob die Deckelung bereits auf die Abrechnung 2026/27 durchschlägt oder erst ab 2027/28 greift, ist offen.
Wenn die Deckelung greift, muss die LFP den Schlüssel nachjustieren — die Sockelbeträge steigen, die Notoriété-Komponente verliert an Gewicht.
Ligue 1+ verfehlt den Businessplan
Die gesamte Rechnung steht und fällt mit den Abonnentenzahlen. Der ursprüngliche Businessplan von LFP Media kalkulierte für 2026/27 mit 1,5 Millionen Abonnenten und 320 Millionen Euro Erlös. Tatsächlich bewegt sich die Plattform bei rund einer Million Abonnenten, mit zuletzt eher rückläufiger Tendenz. Die aktuelle Prognose von 170,1 Millionen Euro liegt bei knapp 53 Prozent des Planwerts.
Ein Hoffnungswert: Ab 2026/27 überträgt Ligue 1+ alle neun Spiele pro Spieltag, nachdem zuvor eine Partie bei einem Drittanbieter lag. Marktbeobachter erwarten dadurch 200.000 bis 300.000 zusätzliche Abonnenten. Selbst damit bliebe der Abstand zum Businessplan erheblich.
Ein weiterer Faktor, der die Prognose stützt: In die Rechnung ist ein Reservefonds von 63,5 Millionen Euro eingeflossen. Ohne diesen Puffer lägen die ausgewiesenen Beträge nochmals deutlich niedriger. Ein Reservefonds lässt sich aber nur einmal verbrauchen.
Einordnung: Ligue 1 gegen Bundesliga
Der internationale Vergleich macht die Dimension der französischen Krise sichtbar. Die deutsche Bundesliga und 2. Bundesliga erlösen national 1,121 Milliarden Euro pro Saison; für 2026/27 führt der FC Bayern München die Ausschüttungsprognose mit 92,31 Millionen Euro an.
| Kennzahl | Ligue 1 2026/27 | Bundesliga 2026/27 |
|---|---|---|
| Nettoausschüttung an die 18 Erstligisten | 184,1 Mio. € | rund 897 Mio. € (80 % von 1,121 Mrd. €) |
| Durchschnitt je Klub | rund 10,2 Mio. € | rund 49,8 Mio. € |
| Spitzenklub | rund 11,7 Mio. € (national) | 92,31 Mio. € |
| Verhältnis Spitze zu Schluss (national) | 3,25 : 1 | rund 2,3 : 1 |
Die Aussage in einem Satz: Der FC Bayern München erhält aus der nationalen Vermarktung allein rund die Hälfte dessen, was alle 18 Ligue-1-Klubs zusammen netto ausgeschüttet bekommen. Und selbst ein Bundesliga-Klub im unteren Tabellendrittel liegt mit rund 40 Millionen Euro deutlich über dem, was der bestbezahlte französische Erstligist national und international zusammen erhalten dürfte.
Was das für die Klubs praktisch bedeutet
Für die französischen Vereine folgt daraus eine strukturelle Konsequenz, die längst Realität ist: Der Spielerhandel ist der eigentliche Erlöspfeiler. Ausbildung, Bewertung und Verkauf zum richtigen Zeitpunkt entscheiden über die Budgetfähigkeit, nicht die Medienerlöse. Klubs ohne funktionierende Verkaufspipeline geraten mittelfristig in Existenznot.
Für die Aufsteiger Troyes und Le Mans ist die Rechnung besonders ernüchternd. Der Aufstieg in die Ligue 1 bringt an nationalen TV-Geldern im ungünstigsten Fall 3,6 Millionen Euro — ein Betrag, der eine erstligataugliche Kaderfinanzierung nicht ansatzweise trägt.
Offene Punkte
Diese Punkte verfolgen wir weiter:
- Décrets d’application zum Gesetz vom 21. Juli 2026 und die Frage der erstmaligen Anwendung
- Einigung im Klub-Kollegium über die Umverteilung der internationalen Erlöse
- Abonnentenentwicklung von Ligue 1+ nach dem Saisonstart am 23. August 2026
- Mögliche Rückkehr eines externen Rechteinhabers: Der scheidende LFP-Media-Geschäftsführer Nicolas de Tavernost geht davon aus, dass die Rechte perspektivisch erneut ausgeschrieben werden; Namen wie Disney, Paramount und Apple TV+ kursieren, verbindlich ist nichts.
- Schlussabrechnung 2026/27: Die veröffentlichten Werte sind Prognosen, keine Endabrechnungen.
Methodik und Quellenlage
Verifiziert (mehrfach übereinstimmend berichtet, Primärquelle L’Équipe auf Basis des LFP-Verteilungsleitfadens vom Ende April 2026):
- Bruttoerlöse 412,2 Mio. €
- Betriebskosten 121,4 Mio. €, CVC-Anteil 65,5 Mio. €
- Nettoverteilung 225,3 Mio. €; davon Ligue 1 184,1 Mio. €, Ligue 2 29,2 Mio. €, Absteigerhilfe 12,0 Mio. €
- Aufteilung 112,5 Mio. € (alle Klubs) / 71,6 Mio. € (UEFA-Index)
- Spanne 11,7 Mio. € bis 3,6 Mio. € national
- Ligue 1+ 170,1 Mio. €, France TV 1,0 Mio. €, international 137,6 Mio. €
- Reservefonds 63,5 Mio. €
- Endgültige Verabschiedung des Sportgesetzes am 21. Juli 2026, Deckelung 1:3 auf nationale Rechte
Rechnerisch abgeleitet (nicht von der LFP so veröffentlicht):
- Position „Sonstige Erlöse“ 103,5 Mio. € als Residualgröße (412,2 − 170,1 − 1,0 − 137,6)
- Quote 54,7 % der Bruttoerlöse
- Spreizungsfaktor 3,25
- Durchschnitt je Ligue-1-Klub 10,2 Mio. €
- Bundesliga-Vergleichswert rund 897 Mio. € (80 % von 1,121 Mrd. €) und Durchschnitt 49,8 Mio. €
Unklar / widersprüchliche Berichterstattung — bewusst nicht als Faktum ausgewiesen:
- Für den internationalen Topf kursieren zwei Größen: 71,6 Mio. € (Nettoanteil innerhalb der 184,1 Mio. €) und 131,1 Mio. € (offenbar vor Abzügen). Beide Zahlen stammen aus derselben Berichtskette. Wir verwenden 71,6 Mio. €, weil sich nur damit die Gesamtsumme von 184,1 Mio. € schließen lässt.
- Ebenso wird die auf alle 18 Klubs verteilte internationale Summe teils mit 6,5 Mio. €, teils mit 9 Mio. € angegeben.
- Der Ligue-2-Vergleichswert „85 % Sockelanteil“ stammt aus älteren LFP-Perioden und ist für 2026/27 nicht bestätigt.
- Die prozentuale Gewichtung der fünf Verteilungskriterien für 2026/27 ist nicht öffentlich.
- Die klubscharfe Verteilung des 71,6-Mio.-Topfes ist nicht veröffentlicht.
Verwendete Quellen: L’Équipe (Primärbericht zum Verteilungsleitfaden), Morning Foot, Le Petit Lillois, Le Phocéen, Lensois.com, SportBusiness, franceinfo, Décideurs du Sport, Allez Paillade, Sport Bild / DIGITAL FERNSEHEN (Bundesliga-Vergleichswerte).
Stand: 13. August 2026. Alle Ligue-1-Werte sind Prognosen der LFP und ausdrücklich als vorläufig gekennzeichnet.
FAQ
Wie viel TV-Geld erhalten die Klubs der Ligue 1 in der Saison 2026/27? Die 18 Erstligisten teilen sich netto 184,1 Millionen Euro. Davon entfallen 112,5 Millionen Euro auf alle Klubs und 71,6 Millionen Euro ausschließlich auf Vereine mit UEFA-Koeffizient. Aus dem nationalen Topf erhält der bestplatzierte Klub rund 11,7 Millionen Euro, der letzte rund 3,6 Millionen Euro.
Warum sind die TV-Gelder in Frankreich so stark gefallen? Nach dem Mediapro-Debakel 2020, dem Rückzug von DAZN 2025 und dem Ausstieg von beIN Sports Ende 2025 fand die LFP keinen externen Rechteinhaber mehr und betreibt seither die eigene Plattform Ligue 1+. In der Spitzenzeit lagen die Ausschüttungen bei rund 500 Millionen Euro.
Wer überträgt die Ligue 1 in der Saison 2026/27? Ligue 1+, die eigene Plattform der LFP, zeigt alle neun Spiele jedes Spieltags. Die Plattform ist als OTT-Dienst und als Option bei den französischen Netzbetreibern verfügbar.
Was ist der CVC-Anteil bei den Ligue-1-TV-Geldern? CVC Capital Partners investierte 2022 rund 1,5 Milliarden Euro in LFP Media und erhält dafür dauerhaft 13,04 Prozent der bereinigten Erlöse. Für 2026/27 sind das 65,5 Millionen Euro, die vor jeder Klubausschüttung abgehen.
Was besagt das französische Gesetz zur 1:3-Deckelung der TV-Gelder? Das am 21. Juli 2026 endgültig verabschiedete Gesetz zur Organisation und Finanzierung des Profisports begrenzt die Spreizung bei den nationalen Medienerlösen auf maximal das Dreifache zwischen bestem und schlechtestem Klub. Für die internationalen Medienrechte gilt die Deckelung nicht. Die Anwendungsverordnungen standen zum Redaktionsschluss aus.
Wie schneidet die Ligue 1 im Vergleich zur Bundesliga ab? Die Bundesliga und 2. Bundesliga erlösen national 1,121 Milliarden Euro pro Saison. Der FC Bayern München allein erhält für 2026/27 rund 92,31 Millionen Euro und damit etwa die Hälfte dessen, was alle 18 Ligue-1-Klubs zusammen netto ausgeschüttet bekommen.